Ein BIM-Projekt schreibt eine Gemeinde aus, indem sie neben den klassischen Vergabeunterlagen einen sogenannten Auftraggeber-Informations-Anforderungen-Katalog (AIA) sowie einen BIM-Abwicklungsplan (BAP) als Vertragsbestandteil definiert. Diese Dokumente legen fest, welche digitalen Modelle, Datenformate und Prozesse die beauftragten Planer und Auftragnehmer liefern müssen. Die folgenden Abschnitte beantworten die wichtigsten Fragen rund um eine rechtssichere und praxistaugliche BIM-Ausschreibung für Kommunen.
Was muss eine Gemeinde bei einer BIM-Ausschreibung beachten?
Bei einer BIM-Ausschreibung muss eine Gemeinde vor allem sicherstellen, dass die digitalen Anforderungen klar, messbar und vergaberechtskonform formuliert sind. Ohne eine eindeutige Definition der gewünschten BIM-Reife und der zu liefernden Datenobjekte entstehen Missverständnisse, die später zu Nachträgen und Verzögerungen führen. Grundlage ist stets die Unterscheidung zwischen dem Informationsmanagement (wer liefert welche Daten wann?) und dem eigentlichen Modellierungsumfang (welche Bauteile werden digital abgebildet?).
Praktisch bedeutet das: Die Gemeinde legt im AIA fest, welche Anwendungsfälle das BIM-Modell abdecken soll, zum Beispiel Kollisionsprüfungen, Mengenermittlungen oder eine spätere Übergabe an das Facility Management. Dabei sollte sie realistische Anforderungen stellen, die den Markt nicht überfordern. Gerade kleinere Ingenieurbüros sind nicht immer in der Lage, hochkomplexe BIM-Anforderungen zu erfüllen. Wer die Anforderungen zu hoch ansetzt, riskiert eine geringe Bieterzahl und damit eingeschränkten Wettbewerb.
Zusätzlich sind die einschlägigen Vergabevorschriften zu beachten. Oberhalb der EU-Schwellenwerte gelten die Regelungen des GWB und der VgV, unterhalb der Schwellenwerte die UVgO beziehungsweise die VOB/A. In allen Fällen müssen BIM-Anforderungen diskriminierungsfrei formuliert sein und dürfen keine bestimmten Softwareprodukte vorschreiben.
Welche BIM-Anforderungen gehören in die Leistungsbeschreibung?
In die Leistungsbeschreibung einer BIM-Ausschreibung gehören mindestens der AIA, die Vorgaben zum BIM-Abwicklungsplan, die zu verwendenden Datenformate sowie die Übergabezeitpunkte der Modelle. Diese Elemente bilden das vertragliche Rückgrat jeder BIM-Vergabe und müssen so präzise formuliert sein, dass alle Bieter dieselben Anforderungen verstehen.
Im Einzelnen sollte die Leistungsbeschreibung folgende Punkte enthalten:
- Anwendungsfälle: Welche konkreten Nutzungen soll das BIM-Modell ermöglichen, zum Beispiel Kostenermittlung, Terminplanung oder Betrieb?
- Modellierungstiefe (LOD/LOI): Welchen Level of Detail und Level of Information müssen die einzelnen Gewerke erreichen?
- Datenformate: Offene Formate wie IFC sollten bevorzugt werden, um Softwareunabhängigkeit zu gewährleisten.
- Kollaborationsplattform: Vorgaben zur gemeinsamen Datenumgebung (Common Data Environment, CDE), in der alle Projektbeteiligten arbeiten.
- Meilensteine der Modellübergabe: Zu welchem Planungsstand werden welche Modelle geliefert?
- Qualitätssicherung: Wer prüft die Modelle auf Vollständigkeit und Regelkonformität?
Ergänzend sollte die Gemeinde bereits in der Ausschreibungsphase klären, ob das fertige Modell nach Projektabschluss in ein kommunales Geoinformationssystem oder eine Asset-Management-Software überführt werden soll. Diese Anforderung beeinflusst die Modellierungstiefe erheblich und muss daher frühzeitig kommuniziert werden. Mehr zu den digitalen BIM-Planungsleistungen erfahren Sie auf unserer Arbeitsbereichsseite.
Wie unterscheidet sich eine BIM-Ausschreibung von einer klassischen Vergabe?
Der wesentliche Unterschied zwischen einer BIM-Ausschreibung und einer klassischen Vergabe liegt darin, dass nicht nur Planungsleistungen, sondern auch strukturierte digitale Daten als Lieferobjekte definiert werden. Während traditionelle Vergaben auf Pläne, Berechnungen und Berichte ausgerichtet sind, fordert eine BIM-Vergabe zusätzlich koordinierte, maschinenlesbare Modelle mit definierten Attributen.
Konkret ergeben sich daraus folgende Unterschiede:
- Eignungskriterien: Bieter müssen BIM-Kompetenz nachweisen, zum Beispiel durch Referenzprojekte mit vergleichbarem BIM-Einsatz oder durch Zertifizierungen von Mitarbeitenden.
- Zuschlagskriterien: Neben dem Preis können die Qualität des angebotenen BIM-Abwicklungsplans und die vorgeschlagene Methodik bewertet werden.
- Vertragliche Pflichten: Der BAP wird nach Zuschlag zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer abgestimmt und als Vertragsanlage vereinbart.
- Koordinationsaufwand: BIM erfordert eine engere Abstimmung zwischen allen Planungsbeteiligten, was im Projektzeitplan berücksichtigt werden muss.
Trotz dieser Unterschiede bleibt das Vergabeverfahren selbst identisch: Offenes Verfahren, Verhandlungsverfahren oder wettbewerblicher Dialog sind möglich, je nach Projektgröße und Komplexität. BIM ist kein eigenes Vergabeverfahren, sondern eine methodische Anforderung innerhalb eines bestehenden Verfahrens.
Wer sollte die BIM-Koordination im Projekt übernehmen?
Die BIM-Koordination sollte von einer Person oder einem Team übernommen werden, das sowohl fachliche Planungskompetenz als auch spezifisches BIM-Methodenwissen mitbringt. In der Praxis übernimmt häufig das federführende Ingenieurbüro diese Rolle, sofern es über ausreichend BIM-Erfahrung verfügt. Bei komplexen Projekten empfiehlt sich ein dedizierter BIM-Manager.
Aufgaben des BIM-Koordinators auf Auftragnehmerseite
Der BIM-Koordinator auf Auftragnehmerseite ist verantwortlich für die Zusammenführung der Fachmodelle aller Gewerke, die Durchführung von Kollisionsprüfungen und die Sicherstellung, dass alle Modelle den Vorgaben des AIA entsprechen. Er ist die zentrale Schnittstelle zwischen den einzelnen Planungsdisziplinen und dem Auftraggeber.
Aufgaben des BIM-Managers auf Auftraggeberseite
Die Gemeinde selbst sollte einen BIM-Manager oder zumindest einen BIM-sachkundigen Ansprechpartner benennen. Diese Person prüft die gelieferten Modelle, gibt Freigaben und stellt sicher, dass die Anforderungen aus dem AIA eingehalten werden. Fehlt diese Rolle auf Auftraggeberseite, verliert die Gemeinde die Kontrolle über die Qualität der digitalen Lieferobjekte. Für Gemeinden ohne eigenes BIM-Personal bietet sich die Beauftragung eines externen BIM-Beraters an, der die Auftraggeberinteressen vertritt.
Welche Fehler machen Gemeinden bei BIM-Ausschreibungen häufig?
Der häufigste Fehler bei kommunalen BIM-Ausschreibungen ist die Formulierung von BIM-Anforderungen ohne klares Ziel: Gemeinden schreiben BIM vor, weil es modern klingt, ohne zu definieren, welchen konkreten Mehrwert das Modell im Betrieb liefern soll. Daraus entstehen aufwendige Modelle, die nach Projektabschluss ungenutzt bleiben.
Weitere typische Fehler sind:
- Zu hohe Modellierungstiefe: Eine LOD-400-Anforderung für alle Gewerke ist in vielen Projekten weder sinnvoll noch wirtschaftlich.
- Fehlende interne Kompetenz: Ohne BIM-sachkundige Mitarbeitende kann die Gemeinde die gelieferten Modelle nicht prüfen oder nutzen.
- Softwarevorgaben statt offener Formate: Die Vorgabe einer bestimmten BIM-Software ist vergaberechtlich problematisch und schränkt den Wettbewerb ein.
- Kein BAP-Prozess: Wird der BIM-Abwicklungsplan nicht vertraglich verankert und nach Zuschlag gemeinsam abgestimmt, fehlt die verbindliche Grundlage für die Zusammenarbeit.
- Fehlende Übergabestrategie: Wenn nicht von Anfang an geplant wird, wie das Modell nach Fertigstellung genutzt wird, verpufft der Investitionsaufwand.
Viele dieser Fehler lassen sich vermeiden, wenn die Gemeinde vor der Ausschreibung eine BIM-Bedarfsanalyse durchführt und den AIA von erfahrenen Fachleuten erarbeiten lässt. Die Arbeitsbereiche eines spezialisierten Ingenieurbüros können dabei wertvolle Unterstützung bieten.
Ab welcher Projektgröße lohnt sich BIM für kommunale Projekte?
BIM lohnt sich für kommunale Projekte ab einer gewissen Planungskomplexität, nicht zwingend ab einer bestimmten Bausumme. Als Faustregel gilt: Sobald mehrere Gewerke koordiniert werden müssen, Schnittstellen zwischen Tiefbau, Hochbau und Haustechnik entstehen oder das Bauwerk langfristig digital verwaltet werden soll, ist der BIM-Einsatz wirtschaftlich sinnvoll.
Für einfache Maßnahmen wie den Austausch eines einzelnen Pumpwerks oder kleinere Kanalsanierungen überwiegt der Aufwand für die Modellerstellung oft den Nutzen. Hier sind klassische Planungsmethoden weiterhin effizient. Anders sieht es bei Kläranlagenerweiterungen, neuen Regenüberlaufbecken mit komplexer Haustechnik oder Infrastrukturprojekten mit mehreren Planungsbeteiligten aus: In diesen Fällen ermöglicht BIM eine deutlich bessere Koordination, reduziert Planungsfehler und erleichtert die spätere Betriebsführung.
In der kommunalen Praxis zeigt sich, dass Projekte ab einem Investitionsvolumen von rund einer Million Euro häufig von BIM profitieren, sofern die Gemeinde die digitalen Modelle auch tatsächlich im Betrieb nutzen möchte. Entscheidend ist jedoch weniger die Größe als die Bereitschaft, intern die notwendigen Strukturen für BIM aufzubauen. Informieren Sie sich auch über unsere Leistungen in der Stadtentwässerung, wo BIM bereits erfolgreich eingesetzt wird.
Wie atd GmbH kommunale BIM-Projekte begleitet
atd GmbH unterstützt Gemeinden und kommunale Auftraggeber in allen Phasen einer BIM-Ausschreibung und BIM-Planung, von der ersten Bedarfsanalyse bis zur Übergabe des digitalen Modells. Als herstellerunabhängiges Ingenieurbüro mit langjähriger Erfahrung in der Abwasserwirtschaft verbinden wir fachliche Tiefe mit methodischer BIM-Kompetenz.
Konkret bieten wir folgende Leistungen an:
- Erarbeitung des Auftraggeber-Informations-Anforderungen-Katalogs (AIA) auf Basis Ihrer spezifischen Projektziele
- Beratung zur Formulierung vergaberechtskonformer BIM-Anforderungen in der Leistungsbeschreibung
- BIM-Koordination und Modellmanagement in der Planungsphase
- Qualitätssicherung der gelieferten Fachmodelle und Kollisionsprüfungen
- Begleitung der Modellübergabe an kommunale Betriebssysteme oder Geoinformationssysteme
Ob Sie ein BIM-Projekt erstmalig ausschreiben oder Ihre bestehende BIM-Strategie weiterentwickeln möchten: Wir stehen Ihnen als verlässlicher Partner zur Seite. Kontaktieren Sie uns und vereinbaren Sie ein unverbindliches Erstgespräch.