Was ist dezentrale Regenwasserbewirtschaftung?

Josef Molitor ·
Regengart am Haus leitet Regenwasser vom Fallrohr in Kiesbeet mit Wildpflanzen, nasse Blätter glänzen im Tageslicht.

Dezentrale Regenwasserbewirtschaftung bezeichnet alle Maßnahmen, bei denen Niederschlagswasser möglichst nah an seinem Entstehungsort zurückgehalten, versickert, genutzt oder verdunstet wird, anstatt es sofort in die Kanalisation abzuleiten. Dieser Ansatz reduziert die Belastung des öffentlichen Entwässerungsnetzes und schließt den natürlichen Wasserkreislauf in bebauten Gebieten so weit wie möglich wieder. Die folgenden Abschnitte beantworten die wichtigsten Fragen rund um Methoden, Einsatzgebiete, Vorteile und rechtliche Rahmenbedingungen.

Wie unterscheidet sich dezentrale von zentraler Regenwasserbewirtschaftung?

Der zentrale Unterschied liegt im Ort der Behandlung: Bei der zentralen Bewirtschaftung wird Regenwasser über ein weitverzweigtes Kanalnetz zu einer einzigen, großen Anlage am Ortsrand geleitet. Die dezentrale Bewirtschaftung hingegen behandelt das Niederschlagswasser direkt dort, wo es auftrifft, zum Beispiel auf dem Grundstück, entlang der Straße oder im Quartier.

Zentrale Systeme wurden über Jahrzehnte als Standard in der Stadtentwässerung eingesetzt. Sie sind robust und gut erprobt, stoßen aber bei Starkregenereignissen schnell an ihre Grenzen, weil große Wassermengen in kurzer Zeit durch dasselbe Netz abgeführt werden müssen. Überlastungen, Rückstau und Mischwasserüberläufe in Gewässer sind typische Folgen.

Dezentrale Entwässerung verteilt diese Last auf viele kleine Einheiten. Jede Fläche, jedes Grundstück, jeder Straßenabschnitt übernimmt einen Teil der Wassermenge selbst. Das Kanalnetz wird dadurch spürbar entlastet, und Starkregenereignisse lassen sich besser abpuffern. Außerdem bleiben Niederschläge länger im lokalen Wasserhaushalt, was der Vegetation und dem Stadtklima zugute kommt.

Welche Methoden der dezentralen Regenwasserbewirtschaftung gibt es?

Für die dezentrale Niederschlagswasserbewirtschaftung stehen verschiedene technische und naturnahe Methoden zur Verfügung, die je nach Bodenbeschaffenheit, Grundwasserstand und Flächenverfügbarkeit kombiniert werden können.

Versickerungsanlagen

Regenwasserversickerung ist die häufigste dezentrale Methode. Mulden, Rigolen, Sickerschächte oder Versickerungsbecken nehmen das Wasser auf und geben es langsam an den Untergrund ab. Voraussetzung ist ein ausreichend durchlässiger Boden, der anhand von Versickerungsversuchen nach dem DWA-Regelwerk ermittelt wird.

Rückhaltung und Nutzung

Zisternen und Regentonnen speichern Niederschlagswasser zur späteren Nutzung, etwa für die Gartenbewässerung oder die Toilettenspülung. Retentionsdächer und Gründächer halten Wasser temporär zurück und geben es zeitverzögert ab oder verdunsten es. Diese Maßnahmen sind besonders in dicht bebauten Bereichen sinnvoll, wo Versickerungsflächen fehlen.

Mulden-Rigolen-Systeme und Mulden

Flache Geländemulden entlang von Straßen oder Parkplätzen nehmen Oberflächenwasser auf, lassen es versickern und schaffen gleichzeitig Grünflächen im Stadtbild. Mulden-Rigolen-Systeme kombinieren die oberflächliche Speicherung mit einer unterirdischen Versickerungsschicht und eignen sich auch bei mäßig durchlässigen Böden.

Wo wird dezentrale Regenwasserbewirtschaftung eingesetzt?

Dezentrale Regenwasserbewirtschaftung wird überall dort eingesetzt, wo Niederschlagswasser anfällt und eine direkte Ableitung in die Kanalisation vermieden oder reduziert werden soll. Das betrifft Neubaugebiete ebenso wie die Sanierung bestehender Siedlungen, Gewerbegebiete und den öffentlichen Raum.

  • Wohngebiete und Neubauquartiere: Hier wird dezentrale Entwässerung häufig bereits in der Bauleitplanung verankert. Grundstückseigentümer sind vielerorts verpflichtet, Regenwasser auf dem eigenen Grundstück zu bewirtschaften.
  • Gewerbe- und Industriegebiete: Große versiegelte Dach- und Hofflächen produzieren erhebliche Abflussmengen. Versickerungsanlagen oder Rückhaltebecken fangen diese Spitzen ab.
  • Straßen und öffentliche Plätze: Straßenbegleitgrün, Baumrigolen und bepflanzte Mulden integrieren die Wasserbewirtschaftung in den Stadtraum und verbessern gleichzeitig das Mikroklima.
  • Bestandsgebiete mit Kanalsanierungsbedarf: Wenn ein Kanalnetz ohnehin saniert werden muss, bietet sich die gleichzeitige Einführung dezentraler Maßnahmen an, um die hydraulische Last dauerhaft zu senken. Mehr dazu finden Sie in unserem Überblick über unsere Arbeitsbereiche.

Welche Vorteile bietet dezentrale Regenwasserbewirtschaftung für Kommunen?

Für Kommunen bietet die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung vor allem wirtschaftliche und infrastrukturelle Vorteile: Sie reduziert die Kosten für den Ausbau und den Betrieb zentraler Entwässerungsanlagen, schützt Gewässer vor Mischwassereinleitungen und macht Städte widerstandsfähiger gegenüber Starkregenereignissen.

Im Einzelnen profitieren Kommunen in diesen Bereichen:

  • Entlastung des Kanalnetzes: Weniger Zufluss bedeutet geringere Spitzenabflüsse und reduziert das Risiko von Überflutungen im Siedlungsbereich.
  • Kosteneinsparungen: Kleinere Kanaldimensionen, geringere Pumpwerkskapazitäten und weniger Kläranlagenbelastung senken langfristig die Investitions- und Betriebskosten.
  • Klimaanpassung: Versickerung und Verdunstung kühlen die Stadt, reduzieren den Wärmeinseleffekt und tragen zur Grundwasserneubildung bei.
  • Gewässerschutz: Durch die Vermeidung von Mischwasserüberläufen werden Fließgewässer vor Schmutzeinträgen geschützt, was direkt auf die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie einzahlt.
  • Aufwertung des Stadtbilds: Grüne Infrastruktur wie Mulden, Gründächer und Baumrigolen verbessern die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum.

Was sind die rechtlichen Anforderungen an dezentrale Regenwasserbewirtschaftung in Deutschland?

In Deutschland regeln das Wasserhaushaltsgesetz (WHG) und die Landeswassergesetze den Umgang mit Niederschlagswasser. Grundsätzlich gilt: Niederschlagswasser soll, soweit möglich, vor Ort versickert, verrieselt oder direkt in ein Gewässer eingeleitet werden, bevor es in die Kanalisation gelangt. Viele Bundesländer haben darüber hinaus eigene Regelungen erlassen, die einen Anschluss- und Benutzungszwang für Regenwasser einschränken oder aufheben.

Für die Planung dezentraler Anlagen sind vor allem die DWA-Regelwerke relevant, insbesondere das Arbeitsblatt DWA-A 138, das Anforderungen an Planung, Bau und Betrieb von Versickerungsanlagen beschreibt. Ein kurzer Hinweis auf diese Normen genügt für die Praxis; eine vollständige juristische Auslegung ist Aufgabe der zuständigen Behörden und spezialisierten Ingenieure.

Praktisch bedeutet das für Bauherren und Kommunen:

  • Vor der Planung sollte die zuständige Untere Wasserbehörde eingebunden werden, um Genehmigungspflichten zu klären.
  • Versickerungsanlagen ab einer bestimmten Größe können wasserrechtlich erlaubnispflichtig sein.
  • Bebauungspläne können Festsetzungen zur dezentralen Entwässerung enthalten, die für Grundstückseigentümer verbindlich sind.
  • Die Qualität des versickernden Wassers spielt eine Rolle: Stark verschmutztes Niederschlagswasser von Industrieflächen oder stark befahrenen Straßen muss unter Umständen vorbehandelt werden, bevor es in den Untergrund gelangt. Hier greifen Regelungen aus dem Bereich der Abwasserreinigung.

Wie die atd GmbH bei der dezentralen Regenwasserbewirtschaftung unterstützt

Wir bei der atd GmbH begleiten Kommunen, Planungsbehörden und private Auftraggeber von der ersten Konzeptidee bis zur fertigen Anlage. Als herstellerunabhängiges Ingenieurbüro mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Wasserwirtschaft entwickeln wir Lösungen, die technisch fundiert, wirtschaftlich sinnvoll und langfristig tragfähig sind.

Unser Leistungsangebot im Bereich dezentrale Regenwasserbewirtschaftung umfasst:

  • Standortanalyse und Versickerungsversuche zur Beurteilung der Bodenverhältnisse
  • Entwässerungsplanung für Neubaugebiete und Bestandssanierungen
  • Planung von Versickerungsanlagen, Mulden-Rigolen-Systemen und Regenrückhaltebecken
  • Abstimmung mit Behörden und Begleitung wasserrechtlicher Genehmigungsverfahren
  • Bauüberwachung und Qualitätssicherung während der Ausführung
  • Einsatz moderner Planungsmethoden, unter anderem Building Information Modeling (BIM)

Haben Sie Fragen zur dezentralen Entwässerung Ihres Projekts oder möchten Sie wissen, welche Methoden für Ihre Situation geeignet sind? Kontaktieren Sie uns und wir beraten Sie unverbindlich.

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